Wie belastbar ist das Schweizer Gesundheitssystem in Krisensituationen?

Karin A. Peter, Sabine Hahn

Die Sars-CoV-2 beschäftigt die Schweiz und viele Arbeitnehmende befinden sich im Home-Office. Dies gilt nicht für Gesundheitsfachpersonen, welche sich Tag und Nacht um die Versorgung von potenziell neu Angesteckten sowie bereits mit Sars-CoV-2 infizierten Personen bemühen. Dies zusätzlich zu allen anderen Patienten im Schweizer Gesundheitswesen, den Bewohnenden von Alters- und Pflegeheimen sowie den unterstützungsbedürftigen Menschen, die zu Hause leben. Sie alle benötigen in Zeiten einer Pandemie zusätzliche Aufmerksamkeit und erhöhten Schutz zum Wohle ihrer Gesundheit.

Dabei wird deutlich, wie wichtig eine gut funktionierende Gesundheitsversorgung im Akut- und Langzeitbereich für die Schweiz ist – und vor allem die dafür zur Verfügung stehenden Gesundheitsfachpersonen. Die Weltgesundheitsorganisation weist darauf hin, dass Gesundheitssysteme stark von der Verfügbarkeit und Leistungsfähigkeit der Gesundheitsfachpersonen abhängig sind. Ein Mangel an qualifizierten Gesundheitsfachpersonen führt zur Destabilisierung des Systems und reduziert den Zugang zu Gesundheitsleistungen sowie die Qualität der Leistungen. Von der Verfügbarkeit und Leistungsfähigkeit unserer Gesundheitsfachpersonen hängt es ab, wie gut das Gesundheitssystem in Krisensituationen agieren kann. Dies zeigt sich nun in der aktuellen Corona-Krise. Die Schweiz liegt im internationalen Vergleich mit 4.5 Spitalbetten auf 1000 Einwohnenden im Mittelfeld. Japan ist mit 13 Betten Spitzenreiter, gefolgt von Korea, Russland und Deutschland mit >8 Betten auf 1000 Einwohnende. Die Schweiz platziert sich aktuell noch vor Italien mit 3.2 und Spanien mit 3 Betten pro 1000 Einwohnende. Zu diesen Zahlen muss jedoch gesagt werden, dass es sich hier um Anzahl Spitalbetten sowohl in Akutspitälern, psychiatrischen Kliniken sowie Rehabilitations- und Spezialkliniken handelt. Würde man nur die aktuellen Bettenzahl in den Schweizer Akutspitälern (Zentrumsversorgung und Grundversorgung) zählen, läge diese noch bei 2.8 Akutbetten auf 1000 Einwohnende (24'131 auf 8.54 Mio Einwohner 2018). Dabei ist nicht nur die Anzahl Betten ausschlaggebend, sondern auch das dafür zur Verfügung stehende Gesundheitspersonal, sozusagen die Dichte der medizinischen/pflegerischen Betreuung. Die Schweiz liegt bei diesem Vergleich mit 11.4 Pflegfachpersonen auf 1000 Einwohner im oberen Bereich, noch vor Deutschland mit 10.8, Italien mit 5.6 und Spanien mit 5.5 Pflegefachpersonen. Zudem verfügen Pflegefachpersonen in der Schweiz vergleichsweise über ein hohes Ausbildungsniveau mit Abschluss auf Tertiärstufe, also einer höheren Fachschule und Fachhochschule (Bachelor oder Master of Science), während beispielsweise in Deutschland der Grossteil der Pflegenden über einen Abschluss im sekundaren Bildungssektor verfügt. Ein hoher Anteil an gut ausgebildetem Pflegepersonal ist in der jetzigen Situation besonders wichtig. Eine Analyse der Daten vom Bundesamt für Statistik von 135 Schweizer Spitälern und mehr als 1.2 Millionen Patienten zeigt, dass eine Unterbesetzung an gut ausgebildeten Pflegefachpersonen nicht nur das Sterberisiko um 2 % ansteigen lässt, was etwa 243 Todesfällen pro Jahr entspricht, sondern auch die Dauer des Spitalaufenthalts für die Patienten verlängern und somit zu Mehrkosten im Gesundheitswesen von bis zu 357 Millionen Franken pro Jahr führen kann. Der Zusammenhang zwischen genügend qualifiziertem Gesundheitspersonal und Sterberate in der Bevölkerung zeigt sich in der aktuellen Corona-Krise deutlicher denn je.

Fachkräftemangel in der Schweiz

Obwohl die Schweiz im Ländervergleich bezüglich der Dichte von pflegerischer Betreuung und Ausbildungsstand gut abschneidet, herrscht jedoch auch hierzulande bereits ein zunehmender Fachkräftemangel in den Gesundheitsberufen. Das Schweizer Gesundheitssystem ist mit der aktuellen Sars-CoV-2 Pandemie stark gefordert. Doch wie sieht die Situation erst in ein paar Jahren aus, wenn möglicherweise noch weniger Gesundheitsfachpersonen zur Verfügung stehen? Der Mangel an gut ausgebildeten Fachpersonen im Gesundheitswesen war bereits vor Ausbruch der Sars-CoV-2 Pandemie ein ernstzunehmendes Thema für die Schweiz und wirft nun Fragen zur zukünftigen Versorgungsqualität im Gesundheitswesen auf. Einerseits steht die demographische Entwicklung mit einer zunehmend alternden Bevölkerung, mit vermehrt auftretenden chronischen Erkrankungen und dem daraus resultierenden höheren Bedarf an Behandlung und Pflege im Vordergrund. Aufgrund der zunehmenden Technologisierung im Gesundheitswesen entstehen neue Leistungsangebote und Personen können trotz gesundheitlicher und altersbedingter Beeinträchtigungen länger in den eigenen vier Wänden verbleiben. Auch nimmt durch Fortschritte in der Medizin die Intensität der Behandlung am Lebensende zu, was die Dauer und Intensität der Behandlung beeinflussen kann. Andererseits wird bis 2030 rund ein Viertel des aktuellen Gesundheitspersonals pensioniert, da die Generation der Baby-Boomer aktuell den grössten Anteil des Gesundheitspersonals ausmacht. Diese Abgänge werden mit der aktuellen Anzahl an neuen Ausbildungsabschlüssen nur schwer zu decken sein. Eine Hochrechnung des Schweizer Gesundheitsobservatoriums zeigt auf, dass bis 2030 zusätzlich 65'000 Pflegekräfte benötigt werden, um die Bedürfnisse des Schweizer Gesundheitssystems zu decken. Hinzu kommt, dass aufgrund der aktuell herrschenden Arbeits- und Rahmenbedingungen viele Gesundheitsfachpersonen nicht mehr in der direkten Patientenversorgung arbeiten, wie dies beispielsweise bei einem von sieben Schweizer Ärzten der Fall ist. Bei Pflegenden, Hebammen und medizinisch-technischen Berufspersonen sind es über 40 %, welche ihren Beruf vorzeitig verlassen haben. Gesundheitsfachpersonen haben bei ihrer Arbeit nicht nur ein erhöhtes Risiko, sich mit infektiösen Krankheiten anzustecken, sondern sind bei der Arbeit auch einer hohen emotionalen Belastung, etwa durch die Konfrontation mit Tod, Leid und Aggression ausgesetzt. Hinzu kommt, dass Gesundheitspersonal häufig unterbesetzt und mit einer hohen Arbeitslast sowie Überzeiten konfrontiert sind und durch die zusätzliche Schichtarbeit mit der Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatleben zu kämpfen haben. Bei Pflegenden und medizinisch-technisch-therapeutischen Berufen spielt dabei häufig auch das Thema der geringen Entlohnung im Vergleich mit anderen Berufen eine zusätzliche Rolle.

Spürbare Belastung bereits vor Sars-CoV-2

Das Coronavirus wird als ‚Stresstest‘ für das Schweizer Gesundheitswesen beschrieben. Doch wie war die Belastung im Gesundheitswesen vor dem Coronavirus? Antworten dazu liefern erste Resultate der schweizweiten STRAIN-Studie der Berner Fachhochschule, die im Rahmen des Competence Network Health Workforce (CNHW) durchgeführt wurde. Dabei wurde bei über 160 Organisationen aus dem Schweizer Gesundheitswesen mehrmals die Arbeitsbelastung bei allen Gesundheitsfachpersonen gemessen. Ergebnisse aus der ersten Erhebung in den Schweizer Akutspitälern zeigen, dass bereits vor der Sars-CoV-2 Pandemie, 63 % der Ärzte und 30 % der Pflegenden oft/immer Überstunden leisten mussten. Rund 35 % der Ärzte gaben dabei an, ihre Überstunden nicht zu erfassen. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch bei der Einhaltung der gesetzlich festgelegten Pausen- und Ruhezeiten in Schweizer Akutspitälern. Von den befragten Ärztinnen und Ärzten können 28 % in ihrem Arbeitsalltag die gesetzlich festgelegten Pausenzeiten selten/nie einhalten. Bei den Pflegenden betrifft dies 13 % der Befragten und bei den medizinisch-technisch-therapeutischen Berufspersonen 7-8. Auch die gesetzlich festgelegten Ruhezeiten werden nach Angaben der Teilnehmenden bei 10 % der Ärzte und 6 % der Pflegenden selten/nie eingehalten. Zudem gaben 20 % der befragten Gesundheitsfachpersonen an, mehrmals im Monat über einen Stellenwechsel nachzudenken und über 15 % der Befragten denken gar darüber nach, den Beruf ganz aufzugeben. Ein bereits belastetes Schweizer Gesundheitssystem wird nun durch die Sars-CoV-2 Pandemie zusätzlich herausgefordert.

Die Belastung durch Sars-CoV-2 und damit zusammenhängende Engpässe von Schutzmaterialien und personellen Ressourcen könnten weitere frühzeitige Berufsausstiege von Gesundheitsfachpersonen zur Folge haben. In der aktuellen Lage scheint es daher zentral, nicht nur die Gesundheit und Sicherheit der Bevölkerung ins Zentrum zu setzen, sondern auch den Gesundheitsfachpersonen selbst Sorge zu tragen. Wie die Sars-CoV-2 Pandemie aufzeigt, beeinträchtigt eine unzureichende Personalbesetzung im Gesundheitswesen nicht nur die Arbeitszufriedenheit und Sicherheit von Gesundheitsfachpersonen, sondern auch die Verfügbarkeit und Qualität der Versorgung des gesamten Gesundheitssystems. Eine ausreichende Besetzung von gut ausgebildeten Gesundheitsfachkräften ist daher zentral, damit das Schweizer Gesundheitssystem in künftigen Krisensituationen nicht bereits nach kurzer Dauer an die eigenen Leistungsgrenzen stösst. Dies ist beim Bewältigen der aktuellen Corona-Krise für alle Länder ein zentraler Faktor. Können Patienten aufgrunad eines Personalengpasses nicht sofort betreut werden, wird priorisiert, was bei genügend Ressourcen im Gesundheitssystem vermieden werden könnte. Damit es dem Schweizer Gesundheitssystem künftig gelingt, über genügend Fachkräfte zu verfügen, sind gute Arbeits- und Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen nötig. Auch wäre wichtig, nicht nur neue Gesundheitsfachpersonen für das Schweizer Gesundheitswesen zu gewinnen, sondern bestehende Fachpersonen langfristig gesund im Beruf zu halten und mit besseren Arbeitsbedingungen vielleicht sogar einige Berufsaussteiger zurückzugewinnen.

Veröffentlicht am 15. Mai 2020