Nachhaltige Lösungen zum Personalerhalt in der Pflege sind nötig

Christoph Golz, Sabine Hahn

Das Pflege- und Betreuungspersonal ist in den letzten Jahren um 17% angestiegen. Bei einem vergleichbaren Anstieg bis 2030 scheint die Prognose erreichbar. Doch leider ist der Bedarf massiv höher. Die Pensionierungswelle und frühzeitige Berufsaustritte sowie der damit verbundene Ersatzbedarf werden bislang schmerzlich unterschätzt.

Die Herausforderungen des Pflege- und Betreuungspersonals sind ein hochaktuelles Thema im politischen Diskurs. Im Mittelpunkt steht der Mangel an qualifiziertem Pflege- und Betreuungspersonal. Das Schweizer Gesundheitsobservatorium (Obsan) prognostizierte bis 2030 einen Zusatzbedarf an 65’000 Pflege- und Betreuungspersonen, was einen Anstieg von 34.6% der Vollzeitäquivalente (VZÄ) bedeute.
So ist es auf den ersten Blick sehr erfreulich, dass zwischen 2012 und 2018 die VZÄ des Pflegepersonals um 17% (21'335 VZÄ) angestiegen sind, bzw. die VZÄ durchschnittlich im Jahr um 2.7% VZÄ zunahmen, wie das Bundesamt für Statistik kürzlich kommunizierte.
Sind wir also auf gutem Wege den Bedarf an Pflege- und Betreuungspersonal bis 2030 decken zu können? Ist das massive Personalmangelproblem in der Pflege bis 2030 gelöst? Wenn wir 2.7% Zuwachs jährlich extrapolieren ergibt sich bis 2030 ein Zuwachs um 32.4%, das entspricht 40'000 VZÄ. Es scheint also wirklich machbar. Doch leider nein. Die anstehende Pensionierungswelle der Babyboomer und die hohe Quote an vorzeitigen Berufsaustritten in der Pflege wird nämlich durch diese aktuelle Mitteilung wenig beachtet – dieser Ersatzbedarf wird nicht erwähnt.

In folgender Grafik sind die effektiven VZÄ des Pflege- und Betreuungspersonals für 2012 und 2018 aufgeführt sowie die prognostizierten benötigten VZÄ für 2030 (Referenzzenario). Es zeigt sich, dass sich der Anstieg zwischen den Bildungsniveaus im Vergleich unterscheidet (Abbildung 1).

Abbildung 1: Pflege- und Betreuungspersonal bis 2030

Pensionierung der Babyboomer

Bis 2030 ist mit 44'019 Pensionierungen zu rechnen. Bereits 2017 waren 38% des Pflegepersonals in Alters- und Pflegeheimen 50 Jahre alt oder älter. Das Personal in den Spitälern war zu diesem Zeitpunkt vergleichsweise jünger mit einem Anteil von 24% an Personen, die 50 Jahre oder älter sind. Der Ersatzbedarf an Pflegepersonal durch die Pensionierungen addiert zu den zusätzlich benötigen Pflegepersonen ergibt einen Bedarf an 109'185 Pflegepersonen bis 2030.

Frühzeitige Berufsaustritte

Hinzu kommt eine hohe Anzahl an frühzeitigen Berufsaustritten in allen Pflegeberufen. Nahezu die Hälfte der gut ausgebildeten Pflegefachpersonen* (45.9%) steigen aus ihrem Beruf aus (Abbildung 2). Gravierend ist, dass sich gerade Pflegefachpersonen früh in ihrer Laufbahn für einen Berufsaustritt entscheiden. Gar 18% der jungen Pflegefachpersonen denken oft bis sehr oft daran, ganz aus dem Beruf auszusteigen. Die Gründe dafür sind vielzählig. Die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf, chronischer Personalmangel an Pflegefachpersonen sowie die hohe körperliche und emotionale Belastung führen zu krankheitsbedingten Absenzen und vielen frühzeitigen Berufsaustritten. Die Ausübung des Pflegeberufs wird dadurch unattraktiv.
Unter Beachtung der beschränkten Berufsverweildauer wird der jährliche Nachwuchsbedarf auf 6075 (ca. 4653 VZÄ) Pflegefachpersonen* und 7799 (ca. 6036 VZÄ) Pflegepersonen der Sekundarstufe II (z.B. Fachfrau / Fachmann Gesundheit EFZ) geschätzt. Bei einem jährlichen Anstieg von 2.7% VZÄ scheint dieser jährlichen Nachwuchsbedarf leider bisher jeweils verfehlt worden zu sein, was sich bis 2030 zu einem grossen Mangel an dringend benötigten Fachkräften in der Pflege summieren wird.

*Dipl. Pflegefachpersonen Höhere Fachschule / Pflegefachpersonen mit Bachelorabschluss Fachhochschule

Abbildung 2: Berufsaustritte Gesundheitspersonal Schweiz

Es braucht Massnahmen zum Personalerhalt

Der Anstieg um 21'355 VZÄ über die Jahre 2012 – 2018 stimmt positiv, sollte uns aber in Anbetracht des gesamten Bedarfs aufhorchen lassen. Wichtig bleibt die weitere Entwicklung in den nächsten Jahren. Denn ohne zusätzliche Massnahmen können die 17% VZÄ der neuen Pflege- und Betreuungspersonen nicht nachhaltig und gesund für den Beruf erhalten bleiben, um die frühzeitigen Berufsaustritte zu reduzieren. Wie wichtig eine gute Personalsituation ist, hat der Ausbruch von SARS-CoV-2 gezeigt. Nur ein mit genügend personellen Ressourcen ausgestattetes Gesundheitssystem wird auch in Zukunft diesen Herausforderungen gewachsen sein.

«Der wachsende Personalbedarf [kann] bei Weitem nicht durch die aktuelle Zahl an Ausbildungsabschlüssen gedeckt werden […]. Insbesondere sind Massnahmen fortzusetzen und zu verstärken, die helfen, das Personal im Beruf zu erhalten oder den Wiedereinstieg zu erleichtern» (Nationaler Versorgungsbericht für die Gesundheitsberufe 2016, S.8)

Die Projekte des Competence Network Health Workforce (CNHW) leisten zum Personalerhalt einen wichtigen Beitrag. Neueste Ergebnisse werden auf unserer Seite publiziert.
Am 29. und 30. April findet in Lausanne die 2. Internationale CNHW Konferenz mit dem Titel “Effective measures to keep our treasures – How to care for health professionals and family caregivers” statt. In Anbetracht der Aktualität der Situation ist die Konferenz als Plattform für den Austausch über nachhaltige Lösungen zur Förderung des Personalerhalts im Gesundheitswesen ein Event, das nicht verpasst werden darf.

Die in diesem Beitrag verwendeten Daten wurden auf Basis vorhandener Daten des Bundesamts für Statistik (BFS) berechnet. Es ist anzunehmen, dass für die Medienmitteilung des BFS die Prozentangaben zur besseren Verständlichkeit gerundet wurden, wodurch es bei unserer Berechnung der VZÄ pro Berufsgruppe zu einer kleineren Unschärfe kam.
Als Basis der Prognose 2030 des Obsan wurden die Daten aus dem Jahr 2014 verwendet. Die Angaben von 2014 wurden nicht in unsere Grafik inkludiert, da die nicht nachvollziehbare Schwankung zwischen 2012 und 2014 wohl aus einer Differenz in der Datenaufbereitung entstanden ist – Zuteilung in die Berufsgruppen (Abbildung 3).

Abbildung 3: Pflege- und Betreuungspersonal bis 2030 inkl. Zahlen von 2014